Band 6, Doppelheft 1+2, Oktober 2011, 240 Seiten

der Zeitschrift Hypnose - Zeitschrift für Hypnose und Hypnotherapie (Hypnose-ZHH)

Inhaltsangabe

  • Petra Netter und Burkhard Peter
    In Memoriam Vladimir Gheorghiu
  • Irving Kirsch, Etzel Cardeña, Stuart Derbyshire, Zoltan Dienes, Michael Heap, Sakari Kallio, Giuliana Mazzoni, Peter Naish, David Oakley, Catherine Potter, Val Walters und Matthew Whalley
    Definitionen von Hypnose und Hypnotisierbarkeit und deren Bezug zur Suggestion und Suggestibilität. Ein Konsensus Statement
  • Petra Netter
    Placebo als Sonderfall der Suggestion
  • Günter Molz
    Suggestion und Suggestibilität in der angewandten Kognitionsforschung: Kognitive Täuschungen, Marktpsychologie und Terrorismus
  • Jochen Haisch
    Die suggestive Kreation und Reduktion Kognitiver Dissonanz
  • Ernil Hansen
    Negativsuggestionen in der Medizin
  • Gunnar Neubert und Karin Meissner
    Selektive Beeinflussung der Hauttemperatur durch Suggestionen im Trancezustand
  • Vilfredo de Pascalis
    Suggestion und Suggestibilität als Regulatoren menschlichen Funktionierens. Kognitive und Persönlichkeitsaspekte
  • Dirk Revenstorf
    Schaden durch Hypnose
  • Andrea Beetz und Alexander von Delhaes
    Forensische Hypnose. Der Einsatz von Hypnose als erinnerungsunterstüzendes Verfahren im Rahmen polizeiliche r Ermittlungen
  • Angelika Schlarb und Marco D. Gulewitsch
    Wenn der Sandmann kommt. Wirkt Hypnotherapie bei Kindern mit Schlafstörungen?
  • Eberhard Brunier
    “I pi i be“ und/oder „Wann ist genug genug?“ Ein Fallbericht
  • Hesselbacher Colloquium 2009: Paul Janouch
    „Weisst du wie das wird?“ Die Musik als Medium des Unbewussten im „Ring des Nibelungen“ von Richard Wagner
  • Der Heidelberger Hypnoseprozess 1936: “Eine Frau sieben Jahre unter hypnotischem Einfluß. Eine schamlose Ausbeutung vor der Aufklärung?” Teil 3

Abstracts & Download

Irving Kirsch, University of Hull, Etzel Cardeña, Lund University, Stuart Derbyshire, University of Birmingham, Zoltan Dienes, University of Sussex, Michael Heap, University of Sheffield, Sakari Kallio, University of Skövde, Giuliana Mazzoni, University of Hull, Peter Naish, Open University, David Oakley, University College London, Catherine Potter, University of Leeds, Val Walters, University College London, Matthew Whalley, University College London

Definitionen von Hypnose und Hypnotisierbarkeit und deren Bezug zur Suggestion und Suggestibilität. Ein Konsensus Statement
Hypnose-ZHH, 2011, 6(1+2), 11-21

Es wird über einen Konsens berichtet, der erreicht wurde auf einem Fortgeschrittenen Workshop in Experimenteller Hypnose, veranstaltet von der British Society of Medical and Dental Hypnosis (BSMDH) und der British Society of Experimental and Clinical Hypnosis (BSECH). Der einhellige Konsens war, dass die konventionellen Definitionen von Hypnose und Hypnotisierbarkeit logisch inkonsistent sind und dass mindestens eine davon geändert werden muss. Die Teilnehmer unterschieden sich in den Alternativen 1), die Definition von Hypnose so zu erweitern, dass auch Reaktionen auf sogenannte Wachsuggestionen eingeschlossen seien, und 2), den Begriff “Hypnotisierbarkeit” nur auf die Effekte nach der An­wen­dung einer Hypnoseinduktion zu begrenzen.

Schlüsselwörter: Hypnose, Hypnotisierbarkeit, Suggestion, Suggestibilität, Konsens

Petra Netter, Universität Gießen

Placebo als Sonderfall der Suggestion
Hypnose-ZHH, 2011, 6(1+2), 23-37

Ziel: Ziel des Beitrags ist es, die spezifisch suggestiven Elemente am Placeboeffekt aufzuzeigen.

Darlegung: Dazu werden nach einem kurzen Abschnitt über Einsatzbereiche des Pla­ce­bos experimentelle Beispiele zu den am Placeboeffekt beteiligten Komponenten genannt, die alle auch an allen nicht-Placebo-vermittelten Suggestionsprozessen beteiligt sind: Begleitinstruktion, Setting, Persönlichkeit des Behandelten, Wirkbereiche, Messinstrumente und Zeitverlauf. Es wird betont, dass sich keine allgemeinen Prädiktoren der Placebo-Reaktion identifizieren lassen, sondern dass bei jedem Placeboversuch spezifische Wechselwirkungen zwischen Instruktion, Situation, Art des gemessenen Reaktionsparameters und der Persönlichkeit des Behandelten die spezifische Placeboreaktion bedingen. Dann wird vor allem auf die Wirkmechanismen eingegangen, die ebenfalls an allen Suggestionsprozessen beteiligt sind. Dies sind vor allem Endorphinfreisetzung, Konditionierung, Erwartungsinduktion und neuronale Prozesse der Motivation und Emotionsverarbeitung. Die Spezifität von erwartungstheoretischen Erklärungen für bewusste physiologische Prozesse und von Konditionierung als Erklärung für unbewusste biopsychologische Placeboreaktionen wird als Kompromiss zwischen den beiden widerstreitenden theoretischen Erklärungsansätzen an Hand eines größeren Experimentes vorgestellt. Ferner wird die Abbildung von Erwartungs- und Konditionierungsprozessen in neuronalen Aktivierungsmustern kurz gestreift und die Einordnung von Placeboeffekten in allgemeine Emotionsverarbeitungsprozesse an Hand von Bildgebungsverfahren demonstriert. Damit wird die Placebowirkung als Spezialfall der Verarbeitung positiver Emotionen und belohnungsorientierter Motivation eingeordnet.

Folgerungen: Diese Sicht ließe sich auch auf allgemeine nicht-Substanz- gebundene Suggestionsphänomene übertragen und zeigt somit, dass nicht nur der Placeboeffekt ein Spezialfall der Suggestion ist, sondern auch die Suggestion generell ein Phänomen der Emotionsverarbeitung und Motivationsprozesse.

Schlüsselwörter: Suggestion, Placebo, Endorphine, Konditionierung, Erwartungstheorie, Emotionsverarbeitung

Günter Molz, Bergische Universität Wuppertal

Suggestion und Suggestibilität in der angewandten Kognitionsforschung: Kognitive Täuschungen, Marktpsychologie und Terrorismus
Hypnose-ZHH, 2011, 6(1+2), 39-50

These: Die Bedeutungen der Konzepte Suggestion und Suggestibilität für die Forschungen im Bereich der kognitiven Täuschungen werden diskutiert. Die zentrale These besteht in dem Anspruch, dass Suggestion und Suggestibilität zentrale Aspekte für die Beschreibung und Erklärung der in der Forschung identifizierten kognitiven Täuschungen sind.

Darlegung: Ausgangspunkt hierfür ist eine Hypothese von Gheorghiu, nach der kognitive Täuschungen Folge von durch Suggestionen und suggestible Prozesse beeinflussten Umgang mit Illusionen sind. Diese Auffassung wird unter zwei thematischen Schwerpunkten behandelt. Zunächst geht es im grundlagenwissenschaftlichen Bereich um den allgemeinen adaptiven Einfluss von Suggestionen auf menschliches Urteilen, Denken und Erinnern. Zweitens wird die Relevanz des Einflusses von Suggestionen auf diese kognitiven Prozesse im angewandten Bereich er­läutert. Beispielhaft werden die Themen Marktpsychologie und die Psychologie des Terror­is­mus erörtert. Für beide Themengebiete wird aufgezeigt, dass (1) menschliches Verhalten und Erleben durch kognitive Täuschungen beeinflusst wird und (2) diese Beeinflussungen – wie von Gheorghiu angenommen – als Folge unterschiedlichen Umgangs mit Illusionen aufgefasst werden können.

Folgerung: Das Ergebnis dieser Diskussionen besteht darin, dass der An­spruch des gebietübergreifenden Charakters der Konzepte Suggestion und Suggestibilität durch Gheorghiu berechtigt ist.

Schlüsselwörter: Suggestion, Suggestibilität, Marktpsychologie, Terrorismus

Jochen Haisch, Universität Ulm

Die suggestive Kreation und Reduktion Kognitiver Dissonanz
Hypnose-ZHH, 2011, 6(1+2), 51-63

These: Gheorghiu stellt Entscheidungsunsicherheit als Basis für Suggestionen heraus.

Dar­legung der These: Kognitive Dissonanz schafft Entscheidungsunsicherheit. Einerseits kön­nen bei der Reduktion von Kognitiver Dissonanz Suggestionen, beispielsweise Auf­wer­tun­gen und Abwertungen von Information, aber auch Einstellungs- und Verhaltensänderungen, stattfinden. Andererseits haben Suggestionen bei der Kreation von Kognitiver Dissonanz, etwa beim „Dissonanz-Shaping“, eine Bedeutung.

Standpunkt des Autors und Folgerungen: Bei­de Wege der Unterschiebung zur Dissonanzkreation und Dissonanzreduktion werden ausführlich und theoriegeleitet besprochen. Abschliessend wird die Dissonanztheorie als Alternativ­er­klärung für das Vorgehen der Energetischen Psychotherapie vorgeschlagen.

Schlüsselwörter: Suggestion, Kognitive Dissozanz, Dissonanzkreation, Dissonanz­re­duk­tion

Ernil Hansen, Universität Regensburg

Negativsuggestionen in der Medizin
Hypnose-ZHH, 2011, 6(1+2), 65-81

These: Negativsuggestionen sind im medizinischen Umfeld weit verbreitet. Sie stehen der Wirksamkeit der medizinischen Behandlung entgegen und schaden dem Patienten. Der „gute Wille“ allein kann sie nicht verhindern, nur eine gute therapeutische Beziehung.

Darlegung der These: Eine medizinische Behandlung stellt für viele Patienten eine Extremsituation dar, die sie in eine natürliche Trance gehen lässt. Diese geht einher mit einer fokussierten Auf­merk­sam­keit für Signale und Informationen, die er auf sich selbst bezieht, und mit einer erhöhten Sug­gestibilität. Die hohe Bereitschaft zur Aufnahme und Wirksamkeit von Sug­gestionen macht die Patienten sehr anfällig für Nega­tiv­suggestionen, die in der medizinischen Umgebung allgegenwärtig sind, vorwiegend unbedacht.

Beispiele: Negativsuggestionen, z.T. bedingt durch den veränderten Bewusstseins­zu­stand, entstehen durch das medizinische System, die Nicht­wirk­samkeit von Verneinungen und Verkleinerung, die hohe Wirksamkeit von starken Worten und Bildern, negative Erwartungen und Konditionierung (Nocebo-Effekt), verunsichernde Äuße­rungen, Fehlinformationen, Lügen, Kommunikation auf der falschen Ebene, doppeldeutige Worte, Missverständnisse, den Fachjargon, direkte und indirekte Negativsuggestionen, die medizinische Aufklärung, nonverbale Suggestionen des medizinischen Umfelds, Ängste oder Interessen des Behandlers, verordnete Passivität, fehlenden Beistand und Eigenschutz­me­cha­nismen der Besucher.

Folgerungen: Die Kenntnis und das Erkennen von Negativsuggestionen sind die Grundlage dafür, sie zu vermeiden oder - wenn sie stattgefunden haben - zu neutralisieren. Die erhöhte Suggestibilität kann zum anderen auch für Positivsuggestionen genutzt werden, um eine Verminderung von Angst und Schmerz und eine stärkere Nutzung eigener Ressourcen zu erreichen. Die Vermittlung dieser Möglichkeiten sollte Teil der medizinischen Ausbildung werden.

Schlüsselwörter: Suggestionen, Negativsuggestionen, Kommunikation, Nocebo-Effekt, medizinische Behandlung

Gunnar Neubert und Karin Meissner, Ludwig-Maximilians und Technische Universität München sowie Universität Rostock

Selektive Beeinflussung der Hauttemperatur durch Suggestionen im Trancezustand
Hypnose-ZHH, 2011, 6(1+2), 83-108

Ziel: Die Studie hatte zum Ziel, die Handtemperatur durch Suggestionen lokal zu beeinflussen und die Spezifität der erzielten Veränderungen zu untersuchen.

Methode: Dreißig Ver­suchspersonen, erfahren im Autogenen Training (AT), durchliefen fünf Versuchsphasen: Ruhe­messung 1, AT, unspezifische Suggestionen (USugg) zur Vertiefung der Trance, spezifische Suggestionen (SSugg) zur Temperaturbeeinflussung, und Ruhemessung 2. Gruppe 1 er­hielt SSugg zur Erwärmung der dominanten Hand, Gruppe 2 SSugg zur Erwärmung der dominanten und Abkühlung der nichtdominanten Hand. Mittelfinger- und Unterarmtemperaturen beider Arme wurden kontinuierlich erfasst.

Ergebnisse: In einem Mittelwertsvergleich zwischen USugg und SSugg zeigte Gruppe 1 während SSugg eine signifikante Temperatur­er­hö­hung der dominanten Hand (p = ,041) und eine ausgeprägte Mitreaktion der nichtdominanten Hand (p = ,011). Die Unterarmtemperaturen blieben konstant. Hingegen nahm in Gruppe 2 die Temperaturdifferenz der Unterarme signifikant zu (p = 0,035), die der Hände erreichte keine Signifikanz (p = 0,156). Die Zunahme der Handtemperatur in Gruppe 1 korrelierte positiv und tendenziell signifikant mit der eingeschätzten Wirksamkeit der Wärmeformel im AT (r = 0,489, p = 0,064) sowie der Absorptionsfähigkeit der Versuchspersonen (r = 0,463, p = 0,082). Die Temperaturdifferenz der Arme in Gruppe 2 war umso größer, je geübter die Ver­suchs­personen im AT waren (r = 0,693, p = 0,006).

Schlussfolgerungen: Zusammenfassend bildeten sich während SSugg in Gruppe 1 und 2 differente Temperaturmuster aus, die für spezifische Effekte der Suggestionen sprechen. Die Beeinflussbarkeit autonomer Funktionen scheint durch regelmäßiges autogenes Training und dabei erworbene Fertigkeiten gesteigert zu werden.

Schlüsselwörter: Heterosuggestionen, Hauttemperatur, autonome Kontrolle, Spezifität, Trancezustand

Vilfredo de Pascalis, “La Sapienza” University of Rome

Suggestion und Suggestibilität als Regulatoren menschlichen Funktionierens. Kognitive und Persönlichkeitsaspekte
Hypnose-ZHH, 2011, 6(1+2), 109-140

Thema: Untersuchungen im Rahmen der Selbstorganisationstheorie haben experimentelle Beweise erbracht, dass individuelle Unterschiede in der Suggestibilität und bei suggestiven Phänomenen im Bereich der sensorischen Wahrnehmung und der Gefühle regulierend wirken. Entwicklung des Themas: Aus unseren Untersuchungen werden einige vorgestellt, welche zeigen: a) die sensorische Suggestibilität ist eng verknüpft mit einer Instabilität in der Wahr­neh­mung, und die 40-Hz EEG Aktivität reagiert auf individuelle Unterschiede in der Sug­ges­ti­bilität; b) individuelle Unterschiede in der Suggestibilität und die Erwartung einer Medika­men­tenwirkung sind Mediatoren für eine Placebo-Analgesie; c) die Ergebnisse einer akustischen Signalentdeckungsaufgabe weisen darauf hin, dass hochsuggestible Personen als Folge einer indirekten Suggestion mehr der nur suggerierten, aber tatsächlich nicht übermittelten Sti­mu­li „entdeckten“ verglichen mit niedrig suggestiblen. Unsere Untersuchungsergebnisse zei­gen, dass die individuellen Unterschiede in der Suggestibilität diesem Aspekt der innersy­ste­mischen Instabilität geschuldet sein könnten und dass der dissoziative Aspekt der Sug­ge­s­tion eine adaptive Lösung für diese Instabilität darstellt. In einer weiteren Untersuchung (d) wurden die vielfältigen Dimensionen der Suggestibilität aufgezeigt mittels Korrelations­ana­ly­sen von Wärme-Suggestibilität, hypnotischer Empfänglichkeit (SHSS:C und HGSHS:A), Er­war­tung, Motivation und Persönlichkeitsdimensionen wie Absorption, Dissoziation und Schi­zo­ty­pie.

Die Ergebnisse sprachen für einen schwachen Zusammenhang zwischen Wärme-Sug­ge­sti­bi­lität und Persönlichkeitsvariablen, obgleich das ästhetische Involviertsein in die Natur, ein Aspekt der Absorption, 14% der gesamten Varianz erklärte. Die beste Voraussage für Wär­me-Sug­gestibilität und Hypnotisierbarkeit lieferte die Reaktionserwartung.

Schluss­fol­ge­rung: Es wird diskutiert, dass individuelle Unterschiede in der Suggestibilität und suggestiver Phäno­me­ne Aspekte unserer natürlichen Fähigkeiten sind und dass sie bei vielen psychologischen Funktionen einen speziellen adaptiven Wert besitzen wie z.B. zur Regulierung der sensorischen Wahrnehmung und der Gefühle. Es wird die Vielschichtigkeit der Suggestibilität hervorgehoben sowie die Schwierigkeit, diese Dimensionen hinsichtlich anderer Persönlich­keits­komponenten zu definieren, und schließlich werden einige Korrelationen aufgeführt, die die vielfältigen Dimensionen der Suggestibilität aufzeigen.

Schlüsselwörter: Suggestion, Suggestibilität, multistabile Wahrnehmung, Erwartung, Ab­sorp­tion, Dissoziation

Dirk Revenstorf, Universität Tübingen

Schaden durch Hypnose
Hypnose-ZHH, 2011, 6(1+2), 141-164

Hintergrund: Hypnose wird kontrovers diskutiert. Als prinzipiell unschädlich oder als möglicherweise auch schädlich. Grund für mögliche Schäden durch Hypnose ist die Annahme einer partiellen Blockade bestimmter Regionen des präfrontalen Kortex.

Darlegung: Für die teilweise absonderlichen Verhaltensweisen von fremd- und selbstschädlicher Qualität, die dem Einfluss der Hypnose zugeschrieben werden, werden drei Mechanismen angenommen: non­ver­bale Entlastung, pathologische Kollusion und archaische Regression.

Standpunkt des Autors: Es wird diskutiert, welche Rolle Kontext und Persönlichkeit bei den Phänomenen der scheinbaren Willenlosigkeit, Verführung und Tatanstiftung spielen und in welchem Ausmaß hypnotische Trance dafür verantwortlich gemacht werden kann.

Folgerungen: Laienhypnose ist grundsätzlich bedenklich, da die nötige Kenntnis der klinischen Aspekte der Hypnose meist fehlt. Die gesteigerte Suggestibilität und die besondere Qualität der hypnotischen Beziehung erfordern vom Therapeuten weitergehende Reflektionen über seinen Einfluss und die Selbst­or­ga­nisation im Patienten als sonst in der Psychotherapie üblich.

Schlüsselwörter: Hypnose, Hypnose-Verbrechen, Bühnenhypnose, Hypnosemissbrauch

Andrea M. Beetz und Alexander von Delhaes

Forensische Hypnose. Der Einsatz von Hypnose als erinnerungsunterstützendes Verfahren im Rahmen polizeilicher Ermittlungen
Hypnose-ZHH 2011, 6 (1+2), 165-187

These: Forensische Hypnose beinhaltet den Einsatz von Hypnose im Rahmen polizeilicher Ermittlungen. Ziel ist die Unterstützung der Erinnerung von Zeugen hinsichtlich tatrelevanter Wahrnehmungen. Obwohl die rechtliche Lage der forensischen Hypnose in Deutschland aufgrund des §136a StPO kontrovers diskutiert wird, erfolgt deren Durchführung mit zunehmender Häufigkeit.

Darlegung: Die Nutzung der hypnotischen Trance als Zustand entspannter Kon­zentration auf eine bestimmte Erinnerung kann nachweislich zu mehr Details oder der Auf­hebung von Erinnerungsblockaden führen, vor allem im Vergleich mit der Erin­ne­rungs­leis­tung in einer üblichen polizeilichen Vernehmung. Kritisch zu sehen ist die höhere Anfälligkeit für falsche Erinnerungsdetails in Hypnose im Vergleich zu anderen Vernehmungsmethoden.

Standpunkt der Autoren: Die Autoren begründen unter Einbezug von Fallbeispielen und Be­rück­sichtigung der Risiken den Nutzen der forensischen Hypnose für die polizeilichen Ermitt­lun­gen. Es werden Einsatzbereiche sowie Voraussetzungen hinsichtlich des Falls, des Zeugen, des durchführenden Hypnotherapeuten und des Settings für den sinnvollen Einsatz der Hyp­no­se dargelegt. Weiterhin werden etablierte Abläufe der forensischen Hypnose und verwendete Techniken beschrieben.

Folgerungen: Den Nutzen forensischer Hypnose in der Praxis wissenschaftlich zu untersuchen, ist schwierig. Dennoch zeigen die bisherigen Erfahrungen, dass sie als erinnerungsunterstützendes Verfahren gewinnbringend für die polizeilichen Ermitt­lun­gen eingesetzt werden kann, auch wenn eine weitere, interdisziplinäre Diskussion zu den rechtlichen Rahmenbedingungen notwendig erscheint.

Schlüsselwörter: Forensische Hypnose, Erinnerung, polizeiliche Ermittlungen, Vernehmung, Zeuge

Angelika A. Schlarb und Marco D. Gulewitsch, Universität Tübingen

Wenn der Sandmann kommt. Wirkt Hypnotherapie bei Kindern mit Schlafstörungen?
Hypnose-ZHH, 2010, 5(1+2), 189-198

Hintergrund: Schlafstörungen im Kindesalter sind weit verbreitet. Häufig sind kindliche Schlafprobleme mit schlafbezogenen Ängsten assoziiert. Ziel der vorliegenden Arbeit war, eine Übersicht über die bislang publizierten Studien zur hypnotherapeutischen Behandlung von Schlafstörungen im Kindes- und Jugendalter, insbesondere der Insomnie, zu gewinnen.

Me­tho­den: Durchführung einer Literaturrecherche bei DIMDI, Medline und PsycINFO, psyc­net und Google Scholar begründend auf „child sleep disorder, hypnotherapy, hypnosis, insomnia in childhood, insomnia in adolescence, Hypnotherapie, kindliche Schlafstörungen, Insom­nie im Kindesalter, Schlafstörungen im Kindesalter, Schlafstörungen im Jugendalter, Hypno­se“. Alle Publikationen, die den Suchbegriffen entsprachen, wurden berücksichtigt.

Ergeb­nis­se: Es wurden insgesamt 9 Studien gefunden, die Hypnose oder Hypnotherapie als Behand­lungs­ver­fahren bei kindlichen Schlafstörungen einsetzten. Alle Falldarstellungen berichten von deutlichen Verbesserungen oder gar Heilungen.

Diskussion: Trotz positiver Einzel­fall­dar­stel­lungen fehlen strukturierte hypnotherapeutische Konzepte, die an einer größeren Gruppe Kinder mit Schlafstörungen durchgeführt wurden. Kontrollierte Studien, die hypnotherapeutische Vorge­hen mit einer Kontrollbedingung vergleicht, gibt es bislang nicht. Diese sollten entwickelt und durchgeführt werden.

Schlüsselwörter: Hypnotherapie, kindliche Schlafstörungen, Insomnie im Kindesalter, Schlafstörungen im Kindesalter, Schlafstörungen im Jugendalter, Hypnose

Eberhard Brunier, Mainz

“I pi i be“ und/oder „Wann ist genug genug?“ Ein Fallbericht
Hypnose-ZHH, 2011, 6(1+2), 199-202

Patrick (12), Bettnässer, bekommt eine Chance, sein Bettnässen selbst zu beenden. Mit Hilfe einer „magischen“ Trommel erreicht er eine für sich und die Lösung ausreichende Tran­ce­tiefe. Im Zustand seiner Selbsthypnose gelingt es ihm, mit Hilfe seines Unbewussten eine Lö­sung zu finden bzw. sich von „Pi i be“ zu befreien. Mit einem abschließenden Ritual kann er sich nun in seine neue Zeit selbst entwickeln.

Schlüsselwörter: Enuresis, Selbsthypnose, Schamanen-Trommel

Paul Janouch, Bad Salzuflen

„Weisst du wie das wird?“ - Die Musik als Medium des Unbewussten im „Ring des Nibelungen“ von Richard Wagner
Hypnose-ZHH, 2011, 6(1+2), 203-218

These: Richard Wagner hat nicht nur als Komponist eine überragende Bedeutung, sondern er war auch ein genialer Psychologe.

Darlegung und Standpunkt des Autors: Im Roman ist es die Funktion des Erzählers, innere Befindlichkeiten der Protagonisten, Beziehungs­konstel­la­tio­nen oder Entwicklungen und Zu­sam­menhänge zu beschreiben, bei Wagner übernimmt diese Aufgaben die Musik, das „allwissende Orchester“. Über dieses Medium wird dem Zuhörer Wesentliches über die inneren Zu­stän­de und das Unbewusste der handelnden Personen mit­geteilt; diffizile Zusammenhänge, die sich der sprachlichen Vermittlung entziehen, werden hörbar.

Folgerungen: Das überzeitlich „Wahre“ der Wagnerschen Musikdramen ist vor allem psychologisch begründet. Das fasziniert die Menschen bis heute und vielleicht heute besonders. Denn trotz seiner Dimension und der enormen Anforderungen an Regie, Orchester und Sänger wird gerade in der jüngsten Zeit Wagners Ring auffallend häufig inszeniert.

Schlüsselwörter: Richard Wagner, Musik, Unbewusstes

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