Band 10, (2015) – Zum Heidelberger Hypnoseprozess 1936

Doppelheft 1 + 2, Oktober 2015, 183 Seiten

der Zeitschrift Hypnose – Zeitschrift für Hypnose und Hypnotherapie (Hypnose-ZHH)

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Inhaltsangabe

  • Burkhard Peter
    Ist Hypnose hinreichend ein Verbrechen zu begehen? Die Kontroverse zwischen Mayer und Bürger-Prinz über den Heidelberger Hypnoseprozess 1936. Ein frühes Beispiel des Diskurses über den Bewusstseinszustand von Hypnotisierten
  • Ludwig Mayer
    Zur forensischen Bedeutung von Hypnose
  • Steven Jay Lynn, Jean-Roch Laurence und Irving Kirsch
    Hypnose, Suggestion und Suggestibilität: Ein integratives Modell
  • Anthony D. Kauders
    Verführung, Hingabe, Auftrag: Hypnose und Verbrechen in Deutschland nach dem Ersten Weltkrieg
  • Maren J. Cordi, Sarah Hirsiger, Susan Mérillat und Björn Rasch
    Hypnotherapeutische Suggestionen vertiefen den Schlaf und verbessern die Kognition bei älteren Erwachsenen: Eine EEG-Studie im Schlaflabor
  • Katalin Varga und Zoltán Kekecs
    Oxytocin und Cortisol in der hypnotischen Interaktion
  • Maria Hagl
    Studien zur Wirksamkeit von klinischer Hypnose und Hypnotherapie im Jahr 2014
  • Anke Precht
    „Regler runter, voran wie ein Blitz!“ Spannungsregulation und Installation von „Biss“ und Entschlossenheit: Hypno-Coaching eines Cross-Country-MTB-Fah­rers. Ein Fallbericht
  • Peter Drißl
    „Angst gehört dazu.“ Eine Profi-Triathletin leidet unter großen Ängsten, die sich bis zu Panikattacken steigern. Ein Fallbericht

 

Abstracts

Burkhard Peter

Ist Hypnose hinreichend ein Verbrechen zu begehen? Die Kontroverse zwischen Mayer und Bürger-Prinz über den Heidelberger Hypnoseprozess 1936. Ein frühes Beispiel des Diskurses über den Bewusstseinszustand von Hypnotisierten

Hypnose-ZHH 2015, 10 (1+2), 7-26

Anhand des Heidelberger Hypnoseprozesses 1936 werden zwei konträre Positionen zum Zustand von Hypnotisierten dargestellt. Der Heidelberger Hypnosearzt Ludwig Mayer, Hauptgutachter in diesem Fall, war der Überzeugung, dass das weibliche „Opfer“ von seinem männlichen „Täter“ durch Hypnose 7 Jahre lang in einem willenlosen Zustand gehalten worden sei und sich deshalb gegen die verschiedenen Vergehen, die an ihr und durch sie begangen worden sein sollen (sexueller Missbrauch, Prostitution und Mordversuch) nicht habe wehren können, weil sie unter hypnotischem Zwang gestanden habe. Der Hamburger Psychiater Hans Bürger-Prinz stellte diese Sichtweise in Frage, interpretiert das Geschehen allgemein- bzw. sozialpsychologisch und kann in seiner Argumentation auf die angeblichen Möglichkeiten der Hypnose zur Ausführung eines Verbrechens völlig verzichten. In diesem Diskurs zeigt sich prototypisch die Auseinandersetzung zwischen den Zustands- und Nicht-Zustandstheoretikern, die schon vor 1936 begonnen hatte und die Hypnose bis heute begleitet. Diese Auseinandersetzung über die potenziell kriminelle Macht der Hypnose wird mit Verweisen auf die wichtigsten Vertreter der einen und der anderen Position dargestellt.

Schlüsselwörter: Hypnose, Willenlosigkeit, Verbrechen, Zustands- versus Nicht-Zustands-theorie

 

Ludwig Mayer

Zur forensischen Bedeutung von Hypnose

Hypnose-ZHH 2015, 10 (1+2), 27-43

Der Facharzt für Nerven- und Geisteskrankheiten in Heidelberg, Dr. Ludwig Mayer, war maßgeblicher Sachverständiger in einem Strafprozess, der vom 23. Mai bis 15. Juni 1936 in Heidelberg gegen zwei Männer geführt wurde, die eine Frau 7 Jahre unter „hypnotischem Einfluss“ gehalten und „schamlos ausgebeutet“ hätten. In den letzten sechs Bänden 4 bis 9 dieser Zeitschrift Hypnose-ZHH, 2009 bis 2014, wurden fortlaufend Zeitungsartikel abgedruckt, in denen die Heidelberger Neueste Nachrichten über diesen Fall berichtet hatte. 1936 war Mayer hauptverantwortlich beteiligt an der Produktion zweier Lehrfilme der „Reichsstelle für Unterrichtsfilm“ (RfdU): Zur Phänomenologie der Hypnose und Versuche zur forensischen Bedeutung der Hypnose. Gerade in Letzterem suchte er filmisch zu demonstrieren, was er ein Jahr später in seinem Buch Das Verbrechen in Hypnose und seine Aufklärungsmethoden darlegte: Ein Verbrechen in Hypnose ist möglich. Als schriftliches Begleitmaterial zu dem forensischen Film diente der hier in Faksimile abgedruckte Text, der diese Position nochmals bekräftigt.

Schlüsselwörter: Hypnose, freier Wille, Willenlosigkeit, Verbrechen

 

Steven Jay Lynn, Jean-Roch Laurence und Irving Kirsch

Hypnose, Suggestion und Suggestibilität: Ein integratives Modell

Hypnose-ZHH 2015, 10 (1+2), 45-62


In diesem Beitrag wird ein integratives Modell der Hypnose erklärt, das soziale, kulturelle, kognitive und neurophysiologische Variablen mit einbezieht, die sowohl innerhalb als auch außerhalb der Hypnose beteiligt sind. Dabei wird ihre dynamische Interaktion betrachtet, welche die vielfältige Erfahrung von Hypnose bestimmt. Die Rolle dieser Variablen wird sowohl in den Induktions- als auch in den Suggestionsphasen der Hypnose untersucht und auch in deren Beziehung zum Erleben der Unwillkürlichkeit, einem der Kennzeichen der Hypnose. Studien zur Modifizierung der hypnotischen Suggestibilität, zur kognitiven Flexibilität, zu Reaktionsweisen und Erwartungen, zum Ruhezustand des Gehirns (default-mode network), zur Suche nach neurophysiologischen Korrelaten der Hypnose und – allgemeiner – auch in Verbindung mit sozialpsychologischen Variablen sind für das weitere Verständnis von Hypnose vielversprechend.

Schlüsselwörter: Aufmerksamkeit, kognitive Kern- und Prozessvariablen in der Hypnose, Erwartung, Hypnose, hypnotische Suggestibilität, Induktion, Theorie des Reaktionssystems, soziokognitive Modelle, Suggestion

 

Anthony D. Kauders

Verführung, Hingabe, Auftrag: Hypnose und Verbrechen in Deutschland nach dem Ersten Weltkrieg

Hypnose-ZHH 2015, 10 (1+2), 63-80

Bereits die ersten Reaktionen auf den Mesmerismus zeugten von einem binären Denken, das Kontrolle und Kontrollverlust geschlechter- und klassenspezifisch interpretierte, sodass ein weit verbreitetes Bild entstehen konnte von bürgerlichen Hypnotiseuren hier und verweiblichten und hypnotisierten Massen dort. Auch nach dem Ersten Weltkrieg lebte dieser Dualismus fort, allerdings in unterschiedlichem Maße. In der Debatte um mögliche Verbrechen in Hypnose standen sich zwei Seiten unversöhnlich gegenüber: Die „Skeptiker“ meinten, moralische Hemmungen als Teil der „Persönlichkeit“ schützten vor einer „kriminellen“ Verführung durch Hypnose; die „Gläubigen“ hingegen waren davon überzeugt, dass gewissenlose Hypnotiseure jene Hemmungen erfolgreich umgehen und „willensschwachen“ Personen in Hypnose verbrecherische Aufträge erteilen könnten. Trotz ihrer unterschiedlichen Positionen differenzierten beide Seiten jedoch zwischen „aktiven“ Hypnotiseuren und „passiven“ Hypnotisanden. Die Idee vom „therapeutischen Tertium“ könnte diesen noch heute verbreiteten Dualismus überwinden helfen.

Schlüsselwörter: Verbrechen, Hypnose, freier Wille, Psychologie der Massen

 

Maren J. Cordi, Sarah Hirsiger, Susan Mérillat und Björn Rasch

Hypnotherapeutische Suggestionen vertiefen den Schlaf und verbessern die Kognition bei älteren Erwachsenen: Eine EEG-Studie im Schlaflabor

Hypnose-ZHH 2015, 10 (1+2), 81-93

Sowohl die Schlafqualität als auch der Anteil an Tiefschlaf nehmen über die Lebensspanne hinweg ab (Ohayon et al., 2004). Dieser Abbau ist von einem Verlust kognitiver Funktionalität begleitet und womöglich damit assoziiert (Mander et al., 2013). Studien zeigen, dass Hypnotherapie erfolgreich zur Vertiefung des Schlafs bei jüngeren Erwachsenen eingesetzt werden kann (Cordi et al., 2014). In der vorliegenden kontrolliert-experimentellen Studie hörten gesunde ältere Studienteilnehmerinnen hypnotische Suggestionen „tiefer zu schlafen“ oder einen Kontrolltext vor einem Mittagsschlaf, während die Hirnstromwellen mit hochauflösendem Elektroenzephalogramm (EEG) aufgezeichnet wurden. Es zeigte sich, dass die hypnotische Suggestion den Tiefschlafanteil um 57% erhöhen konnte. Zusätzlich stieg die Hirnstromaktivität in dem für den Tiefschlaf charakteristischen Frequenzbereich. Dies war gefolgt von einer verbesserten kognitiven Funktion nach dem Schlaf. Unsere Ergebnisse weisen darauf hin, dass hypnotische Suggestionen eine erfolgreiche Alternative zu weitverbreiteten schlaffördernden Medikamenten sind, um den Tiefschlafanteil zu verlängern und die Kognition bei älteren Erwachsenen zu verbessern.

Schlüsselwörter: Hypnose, Tiefschlaf, Alter, kognitive Funktionen, hochauflösendes Elektroenzephalogramm

 

Katalin Varga und Zoltán Kekecs

Oxytocin und Cortisol in der hypnotischen Interaktion

Hypnose-ZHH 2015, 10 (1+2), 95-112

Veränderungen des Oxytocin- und Cortisolniveaus wurden an freiwilligen Versuchspersonen während hypnotischer Interaktionen in standardisierten Laborsitzungen gemessen. Die prä- und posthypnotischen Veränderungen des Oxytocin und Cortisol hingen zusammen mit der hypnotischen Empfänglichkeit der Versuchspersonen und deren Beziehungserfahrungen, gemessen mit Hilfe verschiedener Fragebögen. Die Ergebnisse zeigen, dass die Veränderun- gen des Oxytocinniveaus nicht von der hypnotischen Empfänglichkeit abhingen sondern von den Beziehungserfahrungen. Nach der hypnotischen Interaktion erhöhte sich das Oxytocinniveau der Versuchspersonen, wenn die wahrgenommene Harmonie mit dem Hypnotisierenden groß war; hingegen erhöhte sich das Oxytocinniveau bei dem Hypnotisierenden, wenn die Versuchsperson sich an weniger warme emotionale Beziehungen zu den Eltern erinnerte. Die Ergebnisse werden entsprechend dem sozial-psychobiologischen Modell der Hypnose interpretiert.

Schlüsselwörter: Hypnose, Oxytocin, Cortisol, hypnotische Interaktion

 

Maria Hagl

Studien zur Wirksamkeit von klinischer Hypnose und Hypnotherapie im Jahr 2014

Hypnose-ZHH 2015, 10 (1+2), 113-125

Im Auftrag der Milton Erickson Gesellschaft für Klinische Hypnose erfolgt jährlich eine systematische Literatursuche zu publizierten randomisierten kontrollierten Studien (randomi- zed controlled trials; RCTs), die sich mit der Wirksamkeit von klinischer Hypnose und Hypnotherapie befassen, außerdem zu entsprechenden Meta-Analysen. Mit nur drei neuen RCTs wurden im Jahr 2014 deutlich weniger Studien als in den Vorjahren gefunden, aber die Recherche zu derzeit laufenden Studien lässt nicht auf eine rückläufige Forschung schließen. Die im Jahr 2014 erschienenen Meta-Analysen belegen den Nutzen der sogenannten Bauchhypnose in der Behandlung des Reizdarmsyndroms. Außerdem wurden mehrere Übersichtsarbeiten und Meta- Analysen zur Unterstützung von medizinischen Eingriffen und zur Bewältigung von chronischem Schmerz veröffentlicht. Die meta-analytisch errechneten kleinen bis mittleren Effektstärken, oft in Verbindung mit hoher Heterogenität zwischen den Studien, könnten neben methodischen Problemen auch auf ein differentielles Ansprechen der behandelten Patienten hinweisen. In diesem Zusammenhang wären sogenannte Responder-Analysen nützlich, zusammen mit der Untersuchung von möglichen Moderatoren des Therapieerfolges.

Schlüsselwörter: Hypnose, Hypnotherapie, Wirksamkeit, Psychotherapieforschung, randomisierte kontrollierte Studien, RCT

 

Ronja Stender, Anil Batra und Björn Riegel

Individuelle Erklärungsansätze abstinenter Teilnehmerinnen hypnotherapeutischer Tabakentwöhnung in Gruppen - Eine qualitative Studie

Hypnose-ZHH 2015, 10 (1+2), 127-141

Hypnotherapie ist eine beliebte Methode zur Raucherentwöhnung. Befunde zur Wirksamkeit konnten in den vergangenen Jahren ebenfalls vorgelegt werden. Neben der generellen Wirksamkeit der Methode existiert jedoch kaum aktuelles Wissen über die wirksamen Elemente einer Behandlung. Das Ziel der Studie war daher, subjektive Theorien ehemaliger Raucher zu Wirkfaktoren erfolgreicher hypnotherapeutischer Tabakentwöhnung zu erheben, die dann als Grundlage weiterer Forschung dienen. Es wurden fünf qualitative Interviews auf der Basis der Grounded Theory mit Teilnehmerinnen einer hypnotherapeutischen Tabakentwöhnung in Gruppen nach einjähriger Abstinenz geführt. Dabei haben sich vier Kategorien herauskristallisiert (ursächliche und kontextuelle Bedingungen, Strategien und Konsequenzen), die jeweils durch Unterkategorien beschrieben wurden und die Perspektive der Patientinnen auf die Wirksamkeit der Behandlung abbildeten. Eine hohe intrinsische Motivation sowie eine intensive Reflexion des Tabakkonsums gemeinsam mit anderen Betroffenen wurden als unspezifische Wirkfaktoren extrahiert. Daneben zeigte sich, dass Inhalte der Trance verinnerlicht wurden, ohne dies bewusst benennen zu können. Diese Elemente waren aus der Perspektive der Patientinnen relevant und nützlich. Eine Kombination mit verhaltenstherapeutischen Ansätzen wurde auf der Basis der Interviews diskutiert.

Schlüsselwörter: Raucherentwöhnung, Tabak, Sucht, Hypnotherapie, Hypnose

 

Anke Precht

„Regler runter, voran wie ein Blitz!“ Spannungsregulation und Installation von „Biss“ und Entschlossenheit: Hypno-Coaching eines Cross-Country-MTB-Fah­rers. Ein Fallbericht

Hypnose-ZHH 2015, 10 (1+2), 143-151

Ein hoch motivierter 21-jähriger Radsportler fährt in entscheidenden Radrennen konstant unter seinen Möglichkeiten. Neben einer zu hohen Spannung und Schlafstörungen im Vorfeld, die ihn erschöpfen, vermisst er den richtigen „Biss“, um im Rennen entschlossen nach vorne zu fahren. In 3 Sitzungen von insgesamt 5 Stunden Dauer lernt er mit Hilfe von Hypnose und einem regelmäßigen Trance-Training, den Grad seiner inneren Spannung aktiv zu regeln. In einem weiteren Schritt und in Anlehnung an die Wunschelemente-Technik des Züricher Res­sourcenmodells erlangt er die Entschlossenheit, die er für den Renn-Erfolg benötigt. Er verbessert seine Ergebnisse deutlich und schafft den Sprung in den Profisport.

Schlüsselwörter: Sport, MTB, Hypnose, Selbsthypnose

 

Peter Drißl

„Angst gehört dazu.“ Eine Profi-Triathletin leidet unter großen Ängsten, die sich bis zu Panikattacken steigern. Ein Fallbericht

Hypnose-ZHH 2015, 10 (1+2), 152-159

Eine 26-jährige Profi-Triathletin leidet bei steilen Abfahrten mit dem Rad unter großen Ängsten, die sich bis zu Panikattacken steigern. Die daraus resultierenden großen Zeitverluste verhindern bessere Resultate. Im Rahmen eines Angstbewältigungstrainings erlebt sie in einer Aktiv-Wach-Hypnose auf dem Ergometer innere, hilfreiche Bilder und Ressourcen. Sie lernt, diese sowohl im Training wie im Wettkampf sehr nutzbringend einzusetzen.

Schlüsselwörter: Psychoedukation, Angstbewältigung, Aktiv-Wach-Hypnose

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